1916 bis 1919

 

Der „Brennstoff“ Öl wurde, als „Energiequelle der Zukunft“, von der Rüstungsindustrie mehr und mehr genutzt. Die Kriegsmarine hatte in ihre Schiffsneubauten seit 1913 zunehmend Heizkessel mit Ölfeuerung eingebaut, wobei bis 1918 keines der großen Kriegsschiffe mit vollständiger Ölfeuerung ausgerüstet wurde. Lagerkapazität für Schiffs-Heizöl im „sicheren“ Hinterland wurden gesucht und auf dem Geestrücken bei Bleckede gefunden. (Eine Lage oberhalb der Hochwasserlinie aber nicht zu hoch, so dass die Technische Leistung der damaligen Pumpen zum Transport von Schwer-Öl noch ausreichte).

Das Angebot der Reichsmarine, in dem kleinen Städtchen an der Elbe eine Ölbehälteranlage mit dem enormen Fassungsvermögen von 200 000 t zu bauen, war verknüpft mit der Forderung nach guter Verkehrsanbindung. Für den Wasserweg auf der Elbe garantierte der 1895/96 entstandene Bleckeder Hafen den Verkehrsanschluss nach Hamburg und in die Nordsee [4].

Die Bleckeder Kreisbahn, die 1895 fertiggestellt und vom Kreis Bleckede bis 1910 zur Betriebsführung an die Firma Lenz & Co in Altona verpachtet wurde, war eine Schmalspurbahn, die den Erfordernissen eines solchen Öllagers allerdings nicht gewachsen. Die Reichsmarine forderte den Ausbau der Kleinbahn in Normalspur.

Am 30.08.1916 wurde in Bleckede eine Denkschrift zum normalspurigem Umbau der Bleckeder Kreisbahn veröffentlicht [5].

Der Umbau der Gleisanlagen der Schmalspurstrecke Lüneburg – Bleckede auf Normalspur war schon seit 1913 immer wieder angesprochen worden [6].  Infolge mangelnder Finanzen ergab sich erst durch den Plan der Reichsmarine eine Möglichkeit Geld, in Erwartung guter Geschäfte mit der Reichsmarine, für Baumaßnahmen bereitzustellen [7].

Vor dem Beginn der Bauarbeiten der Eisenbahnlinie erfolgten verschiedene Briefwechsel zwischen dem Preussischem Landtag, dem Bleckeder Kreistag, verschiedenen Ministerien und der Reichsmarine. Die Reichsmarine bestand ultimativ auf Bereitstellung der normalspurigen Gleisanlagen [8].

In einem Schreiben vom 30.04.1917 sandte das Kaiserliche Marinebauamt zu Oldenburg einen ersten Bauplan einer „Ölbehälteranlage mit einer Kapazität von 200 000 Tonnen“ an die Königliche Provinzialregierung in Lüneburg, zwecks Geltendmachung etwaiger Bedenken vom landespolizeilichen Standpunkt [9].

Gleichzeitig wurde durch das Marineamt versucht, alle erforderlichen Grundstücke im Bereich der geplanten Anlage zu erwerben. Gegen zwei Grundbesitzer wurde am 08.05.1917 ein Enteignungsverfahren eingeleitet [10]. Die Fläche aller Grundstücke für die geplante Anlage betrug ca. 140 ha. Später, bis Kriegsende 1945 wurden noch kleinere Grundstücke von der Marineverwaltung erworben und zum Ölhof dazugeschlagen. Der Baubeginn für die Marineanlagen im Ölhof kann mit Frühjahr 1917 angegeben werden [11].

Am 16.01.1918 erfolgte die Eintragung der Bleckeder – Kleinbahn – Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Bleckede, hervorgegangen aus der Bleckeder Kreisbahn, unter Nr.6 Abteilung B in das Handelsregister beim Königlichen Amtsgericht in Bleckede a/E. [12].

Das Kapital für diese neue Gesellschaft, und damit auch zum Umbau der Gleisanlagen auf der Strecke Lüneburg – Bleckede, kam jeweils zu einem Drittel vom Preussischen Staat, von der Provinz Hannover und vom Kreis Bleckede.[13]

Diese gewaltige, finanzielle Unternehmung konnte sich nur durch die zu erwartenden Frachtmengen der Reichsmarine bezahlt machen [14].

Weitere Unterstützung für die Eisenbahn bestand darin, dass der gesamte Gleisumbau wegen des Gleis-Anschlusses an die Marineanlage,  durch das  Reichs-Marineamt als „kriegswichtig“ eingestuft wurde. Stahl für das Oberbau-Material war dadurch direkt von der Rohstahl-Ausgleichsstelle des Reiches zu beziehen.

Noch 1918 wurde deutlich, dass die Finanzierung dieses Eisenbahnprojektes auf „tönernen Füssen“ stand. Es wurde kein Versuch unterlassen vom Reichs Marine Amt zusätzlich Geld für den Umbau der Strecke Bleckede-Lüneburg zu bekommen. Im Oktober 1918, kurz vor dem Ende des ersten Weltkrieges erfolgte dann eine Zahlung an die Bleckeder Kleinbahn.

 

Bild 1: Schreiben der Kaiserlichen Werft, Wilhelmshaven an den Landrat in Bleckede

 

Weiterhin sollten durch Anordnung des Reichs-Marineamtes für die Bauausführung der neuen Eisenbahnstrecke etwa 300 Kriegsgefangene gestellt werden [15]. Weil aber keine Kriegsgefangenen in den hannoverschen Lagern zur Verfügung standen, setzte die Marine Soldaten für den Gleisbau mit ein [16].

 

Bild 2: Ausschnitt einer Feldpostkarte aus Bleckede, 24. Dezember 1917, Sammlung Lohmann.

 

Die Marinesoldaten waren als Arbeiter schlecht angesehen. Arbeitsmoral und Arbeitsleistung führten immer wieder zu Verzögerungen in den einzelnen Bauabschnitten [17]. Am 11. November 1918 war der I. Weltkrieg vorbei.

Kein Krieg, kein Öl, keine Fracht, kein Gewinn – ein Fiasko! [18]

Auf der Baustelle in Bleckede wurden alle Bauarbeiten eingestellt. Zur Frage wie weit die Bauarbeiten fortgeschritten waren schreibt R. Dämmer 1992, Zitat: „Am 05.12.1918 meldet die Reichswerft, daß in Achim 10 Ölbehäler und in Bleckede 12 Ölbehälter teilweise fertig und teilweise noch im Bau sind“ [19]

Die endgültige Fertigstellung der Tank-Gruppe I (Nr. 1-4), der Hafenanlagen und die Erteilung der Betriebsgenehmigung erfolgten letztendlich erst im Jahre 1928, elf Jahre nach dem Baubeginn. Die Fertigstellung der Tanks mit den Nummern 5 – 12 erfolgte 1936/37. Der Tank mit der Nummer 11 wurde nie gebaut, blieb aber als Zahlenlücke in der Gebäudeliste bestehen.

Die Verladeanlage im Hafen wurde zwar erstellt, es  waren aber nach der endgültigen Inbetriebnahme der Anlage bereits weitere Baumaßnahmen erforderlich geworden [20]. Der geplante große Rangierbahnhof im Ölhof mit zwölf Gleisen wurde nur in einer wesentlich kleineren Variante erstellt.

 

Bild 3: Geplanter Rangierbahnof Bleckede 1918 , Landkreis Lüneburg, Archiv, Akte Nr. 703,12.

 

Die Abnahme des Anschlussgleises für die Ölbehälteranlage erfolgte am 25 Juni 1919. Die Abnahme der Gleisanlagen in der „Behälteranlage“ erfolgte im Dezember 1919 [21].

 

 

[4] Kaiserliches Marinebauamt Oldenburg an den Regierungspräsidenten in Lüneburg vom 23.08.1917,
Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/015 Nr. 248.
[5] Denkschrift zum Normalspurigen Umbau der Bleckeder Kreisbahn 30.08.1916, Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[6] Beschwerde des Fuhrhalters Koop gegen die Bleckeder Kleinbahn vom 25.11.1913, im Zuge der Verhandlung dieser Beschwerde äussert der damalige Landrat Freiherr von Brandenstein den Plan zurm Normalspurigem Umbau der Kleinbahn, bei gleichzeitiger Gründung einer neuen Eisenbahngesellschaft, unter Beteiligung des Staates Preussen, der Provinz Hannover und des Kreises Bleckede. Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[7] Schreiben des Staatssekretärs im Marine-Amt an den Landrat in Bleckede vom 25.07.1916, Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[8] Schriftverkehr, zwischen dem Reichs-Marineamt, dem Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, dem Arbeitsminister und dem Landrat in Bleckede. Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[9] Brief und Bauplan vom Kaiserlichen Marinebauamt zu Oldenburg an die Königliche Regierung in Lüneburg vom 30.04.1917, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/015 Nr. 248.
[10] Schreiben des Staatssekretärs im Marineamt an den Landrat in Bleckede vom 08.05.1917, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 180 Lüneburg Acc. 3/015 Nr. 248.
[11] Schreiben des Landeskleinbahnamtes an die Kriegsamtsstelle Hannover und an den Staatssekretär im Reichs-Marineamt. Anfrage um die Gestellung von Kriegsgefangenen für den Bahnbau. In diesem Schreiben wird erwähnt, „…dass, die bei Bleckede schon in der Ausführung begriffenen Marineanlagen, die Beschleunigung des Eisenbahn-Projektes erfordern.“ Archiv Landkreis Lüneburg 836,6.
[12] Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Lüneburg, 09.März 1918, Archiv Landkreis Lüneburg.
[13] Übergang der Kleinbahn vom Kreis Bleckede auf die Bleckeder Kleinbahn GmbH, Archiv Landkreis Lüneburg 766,7.
[14] Schreiben des Staatssekretärs im Marineamt an den Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[15]Schreiben des Staatssekretärs im Marineamt an den Landrat in Bleckede, Archiv Landkreis Lüneburg 836,5.
[16] Notiz über das Eintreffen der Marinesoldaten an den Baustellen der Eisenbahn vom13. November 1917 Archiv Landkreis Lüneburg 836,6.
[17] Verschiedene Schreiben an den Regierungspräsidenten in Lüneburg, mehrfache Beschwerden über die Marienekompanie im Baueinsatz Archiv Landkreis Lüneburg 836,6.
[18]Schreiben des Betriebsleiters der Bleckeder Kleinbahn Hr.Grafelmann zum Verwaltungsbericht des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten über die Leistungen der Preussischen Eisenbahnen vom 08.11.1920. „Durch den Wegfall der von der Reichsmarineverwaltung zugesicherten Oeltransporte dürfte die rentable Weiterführung der Kleinbahn für alle Zeiten in Frage gestellt sein. Archiv Landkreis Lüneburg 628,22.

[19] Herr Rudolf  Dämmer, Diplomarbeit „Planung, Entwicklung und Durchführung der Ölbevorratung der Kriegsmarine am Beispiel des Marinetanklagers Farge 1938 – 1945“, München 1992 Seite 62. Herr Dämmer zitiert hier die Akte: BA-MA RM 3, Seite 30.                        [20] Baubeschreibung für die Erweiterung des Pumpenhauses am Hafen des Ölhofes, Februar 1934, Archiv Stadt Bleckede.
[21] Abnahme der Gleisanlagen auf dem Marinebauplatz in Bleckede durch den Regierungspräsidenten, das Marinebauamt und die Eisenbahndirektion, Archiv Landkreis Lüneburg 654,1.

 

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